Die AfA Speyer steht exemplarisch für ein Problem, das die deutsche Asylpolitik seit Jahren begleitet – und verdrängt wird, sobald die Debatte unbequem wird: Kontrolle. Oder genauer: der Mangel daran.
„Abgängig“ ist das Wort, auf das man sich verständigt hat. Ein Verwaltungsbegriff, der harmloser klingt als die Realität dahinter. Menschen verschwinden aus einer staatlichen Einrichtung – ohne bekannten Aufenthaltsort, ohne öffentliche Erklärung, ohne dass nachvollziehbar wäre, was daraus folgt. Akten schließen sich. Leistungen enden. Verantwortung verflüchtigt sich.
In Speyer ist dieses Phänomen kein Randthema mehr. Die Aufnahmeeinrichtung liegt nicht irgendwo im politischen Nirgendwo, sondern inmitten einer Stadt, die zurecht fragt: Was geschieht hier eigentlich – und wer behält den Überblick? Wenn dreistellige Zahlen im Raum stehen und zugleich niemand sagen kann, wie viele der Verschwundenen ein laufendes Verfahren hatten, wie viele abgelehnt wurden oder wie viele längst ausreisepflichtig gewesen wären, dann geht es nicht mehr um Statistik, sondern um staatliche Glaubwürdigkeit.
Der politische Reflex ist bekannt: Man beschwichtigt. Man verweist auf Definitionsfragen. Man erklärt, dass „abgängig“ nicht automatisch „illegal“ bedeutet. All das mag formal richtig sein. Es beantwortet jedoch nicht die zentrale Frage: Warum weiß der Staat bei einer hochregulierten Materie wie dem Asylsystem so häufig nicht, wo sich die Menschen befinden, für die er zuständig ist?
Wer Kontrolle fordert, gilt schnell als unsensibel. Wer Transparenz verlangt, als Populist. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Ein funktionierender Rechtsstaat lebt davon, dass Regeln durchgesetzt werden – und zwar fair, nachvollziehbar und überprüfbar. Dazu gehört auch, dass abgelehnte Anträge Konsequenzen haben und laufende Verfahren nicht im Nebel enden.
Gerade die AfA Speyer zeigt, wie sehr das System auf Verschleiß fährt: überlastete Verwaltung, mangelhafte Nachverfolgung, politische Ausweichmanöver. Während vor Ort das Unbehagen wächst, bleibt von offizieller Seite oft nur Schweigen oder das Versprechen, man sei „dran“.
Doch Vertrauen entsteht nicht durch Beschwichtigung. Vertrauen entsteht durch Zahlen, durch klare Zuständigkeiten und durch die ehrliche Benennung von Problemen. Solange die AfA Speyer nicht transparent darlegen kann, wer verschwindet, mit welchem Status und mit welchen Folgen, bleibt ein schaler Eindruck zurück: Der Staat organisiert Aufnahme – aber verliert den Abgang aus den Augen.
Und genau das ist das eigentliche Drama. Nicht, dass Menschen gehen. Sondern dass niemand sagen kann, was danach passiert.
Das ist auch hier die Frage – und nicht nur bei Hamlet.
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